Eine erste Einstimmung: Der Franz-Kafka-Jugendkulturpreis 2012 zu „Alternativlosigkeit“

„Alternativlos“ hat es auf Platz eins der Unwörter des Jahres 2010 geschafft. Der Ausdruck ist deshalb so unsinnig, weil es immer unterschiedliche Möglichkeiten gibt. Das Leben ist keine Einbahnstraße und schon gar keine Sackgasse. Diesen Eindruck gewinnt man jedoch, wenn man den gegenwärtigen Eliten zuhört. Die Bekämpfung der Schuldenkrise mit Schulden sei „alternativlos“, der Krieg in Afghanistan sei „alternativlos“, die Rettung insolventer Banken „alternativlos“ und die nächste Steuererhöhung wird ebenfalls – na klar! – „alternativlos“ sein. Die Rede von der „Alternativlosigkeit“ trifft aber auch die Jugend. Einen anständigen Beruf zu erlernen, am besten Jura oder BWL zu studieren, sei „alternativlos“, wenn man mal was werden möchte. „Die brotlosen Künste“ … „ach, hör mir damit auf!“

„Alternativlos“ sei der alltägliche Streß. Termine, Termine, Termine – und das schon ab dem 14. Lebensjahr. „So ist nun mal das Leben! Streng dich gefälligst an, alle deine Verpflichtungen zu schaffen!“, rufen es einem die Verwalter der Alternativlosigkeit zu. Der Romantiker Joseph von Eichendorff hat diese Einfallslosigkeit der Lebensgestaltung mit dem dramatischen Märchen „Krieg den Philistern“ (1832) auf radikale Weise angegriffen.

Literatur und Kunst sind seit jeher Räume, in denen über unbegrenzte Möglichkeiten, über Träume und Fantasien nachgedacht werden kann, ohne daß diese sich sofort zerstörerisch in der Realität auswirken würden. Zugleich ist es aber nur ein sehr unbefriedigender Weg, sich allein auf die Flucht aus der Wirklichkeit zu konzentrieren und den nächsten großen Science-Fiction-Roman in Angriff zu nehmen. Der Welt des Zeitdrucks und der Sachzwänge muß sich jeder stellen, ob er will oder nicht.

In unübertroffen klaren Linien hat Franz Kafka in seinen Romanen die Moderne als „Alternativlosigkeit“ skizziert. Der Einzelne geht dort unter, wenn er die Vorgaben, Prozesse und das Verhalten seiner Umwelt pflichtbewußt imitiert. Kafka schreibt von pflichtbewußten Menschen, die in ein Hamsterrad geraten und keine Auswege finden. Bereits die ersten Sätze seiner Romane weisen in diese Richtung. Naive, blumige Leseerwartungen werden sofort enttäuscht: Die hiesige Welt ist grau und der Protagonist weiß nicht von der Existenz von Buntstiften.

Das gelobte Land Amerika erreicht Karl Roßmann nicht, weil er unbegrenzte Möglichkeiten sucht. Nein, er wurde dazu gezwungen:

Als der sechzehnjährige Karl Roßmann, der von seinen armen Eltern nach Amerika geschickt worden war, weil ihn ein Dienstmädchen verführt und ein Kind von ihm bekommen hatte, in dem schon langsam gewordenen Schiff in den Hafen von New York einfuhr, erblickte er die schon längst beobachtete Statue der Freiheitsgöttin wie in einem plötzlich stärker gewordenen Sonnenlicht.

Auch der Roman Das Schloß läßt zunächst alle Seifenblasen zerplatzen. Es handelt sich nicht, wie man erwartet, um einen prunkvollen Palast, sondern um ein Phantom, dem der Landvermesser K. ohne Erfolg nachjagt.

Es war spätabends, als K. ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee. Vom Schloßberg war nichts zu sehen. Nebel und Finsternis umgaben ihn, auch nicht der schwächste Lichtschein deutete das große Schloß an. Lange stand K. auf der Holzbrücke, die von der Landstraße zum Dorf führte, und blickte in die scheinbare Leere empor.

Dieser Leere gewachsener Institutionen sieht sich auch Josef K. im Prozeß ausgesetzt.

Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.

Diese Verleumdung ist der Beginn einer Selbst-Verleumdung. Wer den Prozeß annimmt, der einem durch eine anonyme Macht gemacht wird, der hat ihn schon verloren. Das ist das Wesen der „Alternativlosigkeit“ und deshalb kann ein Jugendkulturpreis über „Alternativlosigkeit“ nur Kafka als Namenspatron auswählen.

Es gibt ganze Bibliotheken an Sekundärliteratur über Franz Kafka. Die Essays, die begleitend zum Kafka-Preis im nächsten Jahr entstehen werden, halten sich deshalb mit literaturwissenschaftlichen Deutungen zurück. Kafka stellt uns vor eine viel größere und aktuellere Aufgabe: Mit ihm gilt es, die Gegenwart zu verstehen. In noch stärkerem Ausmaß als zu Kafkas Lebzeiten bedrücken uns heute Bürokratie, Alternativlosigkeit und Selbst-Verleumdung. Kafka erneut zu lesen und im Hinblick auf die Gegenwart Lehren aus seinen Romanen, Fabeln und Kurzgeschichten zu ziehen, beruht auf einem Verständnis von Kunst, wonach diese zeitlose Gültigkeit beanspruchen kann und deshalb immer wieder neu entdeckt werden muß. Neben dem ästhetischen Genuß steht dabei die Relevanz für das „Hier und Jetzt“ im Mittelpunkt des Interesses.

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