Franz Kafka I: Angst vor dem Lärm der Gesellschaft

Die eigenen Ansprüche eines Autors an seinen Text sollten möglichst höher sein als die tatsächlichen Erwartungen der späteren Leser. Fatal wird diese Faustregel, wenn eine Mischung aus Perfektionismus und Unsicherheit zur Nichtveröffentlichung von großartigen, vielleicht sogar weltbewegenden Texten führt. Ein Autor, bei dem diese Mischung zweifellos vorhanden war: Franz Kafka. Er ging sogar so weit, seinen Freund und späteren Nachlassverwalter Max Brod zu beauftragen, nach seinem Tod die weitere Verbreitung seiner Werke zu verhindern. Nur dem eigenmächtigen Handeln Brods ist es zu verdanken, dass die ganze Welt Kafkas literarische Juwelen zu Gesicht bekam. Weiterlesen

Franz Kafka II: Verwandlung und Alternativlosigkeit

1915 veröffentlichte Kafka die Erzählung „Die Verwandlung“. Der kleine Versicherungsangestellte Gregor Samsa verwandelt sich darin über Nacht in ein Ungeziefer. Am meisten fällt dabei die Untätigkeit der Familie auf. Solange sie noch denkt, der in seinem Zimmer eingeschlossene Gregor wäre nur krank, schicken sie seine Schwester um einen Arzt zu holen. Dieser trifft jedoch erst ein, nachdem Gregors Verwandlung herausgefunden wurde und wird abgewimmelt. Die Hoffnung auf Heilung wird von der Angst vor öffentlicher Verurteilung verdrängt. Weiterlesen

Eine erste Einstimmung: Der Franz-Kafka-Jugendkulturpreis 2012 zu „Alternativlosigkeit“

„Alternativlos“ hat es auf Platz eins der Unwörter des Jahres 2010 geschafft. Der Ausdruck ist deshalb so unsinnig, weil es immer unterschiedliche Möglichkeiten gibt. Das Leben ist keine Einbahnstraße und schon gar keine Sackgasse. Diesen Eindruck gewinnt man jedoch, wenn man den gegenwärtigen Eliten zuhört. Die Bekämpfung der Schuldenkrise mit Schulden sei „alternativlos“, der Krieg in Afghanistan sei „alternativlos“, die Rettung insolventer Banken „alternativlos“ und die nächste Steuererhöhung wird ebenfalls – na klar! – „alternativlos“ sein. Die Rede von der „Alternativlosigkeit“ trifft aber auch die Jugend. Einen anständigen Beruf zu erlernen, am besten Jura oder BWL zu studieren, sei „alternativlos“, wenn man mal was werden möchte. „Die brotlosen Künste“ … „ach, hör mir damit auf!“ Weiterlesen

„Erste Worte nach dem Gedankenstrich“: Fazit nach einem Jahr Rilke-Preis

Der Rainer-Maria-Rilke-Jugendkulturpreis ist das erfolgreichste und größte Projekt, das unser Verein seit seiner Gründung 2009 angepackt hat. Entstanden ist am Ende das Buch Erste Worte nach dem Gedankenstrich. Beiträge zum Rilke-Preis, das auf knapp 150 Seiten die besten Gedichte, Kurzgeschichten und Bilder der Teilnehmer des Wettbewerbs versammelt. Zudem finden sich in dem Buch wegweisende Artikel von jungen Autoren zu dem Lebenswerk des großen Dichters sowie zum Spannungsfeld von „Pop & Nische“.  Weiterlesen

Rilke, der Life-Coach im Dienste des Buch-Marketings: „Du mußt dein Leben ändern“

Die großen Verlage haben einen neuen Trend entdeckt. Um die Lizenzrechte an ihren Autoren bis auf den letzten Tropfen ausquetschen zu können, geben sie Sammelbände unter schwülstig gehaltenen Titeln heraus. Ein aktuelles Beispiel ist der Essay- und Vorwortsammelband von Michel Houellebecq namens Ich habe einen Traum. Es scheint, als ob die Herausgeber jeden Einkaufszettel ihres Autors vermarkten wollen. Ein älteres, aber umso treffenderes Beispiel bietet das bei Insel erschienene Sammelbändchen Du mußt dein Leben ändern, für das Rainer Maria Rilke 2006 seinen Namen herhalten musste. Weiterlesen

Rilkes Malte Laurids Brigge: Eine tragische Figur in Romanform

Rainer Maria Rilke hat zeitlebens nicht wenig von Europa gesehen. Eindrücke seiner Reisen fanden bisweilen Einzug in das Werk des Lyrikers, wobei die Impressionen seines Parisaufenthalts 1902/03 den Ausgangspunkt des einzigen Romans, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, bilden. Dieser wurde vom Autor selbst als „Prosabuch“ charakterisiert und 1910 in Leipzig fertiggestellt. Bereits 1904 begann Rilke in Rom mit dem Schreiben hieran. Weiterlesen

Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg Deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

(aus: Rainer Maria Rilke: Das Buch der Bilder, 1902/1906)