Rilke, der Life-Coach im Dienste des Buch-Marketings: „Du mußt dein Leben ändern“

Die großen Verlage haben einen neuen Trend entdeckt. Um die Lizenzrechte an ihren Autoren bis auf den letzten Tropfen ausquetschen zu können, geben sie Sammelbände unter schwülstig gehaltenen Titeln heraus. Ein aktuelles Beispiel ist der Essay- und Vorwortsammelband von Michel Houellebecq namens Ich habe einen Traum. Es scheint, als ob die Herausgeber jeden Einkaufszettel ihres Autors vermarkten wollen. Ein älteres, aber umso treffenderes Beispiel bietet das bei Insel erschienene Sammelbändchen Du mußt dein Leben ändern, für das Rainer Maria Rilke 2006 seinen Namen herhalten musste.

Der großartige Lyriker Rilke fällt unter den Tisch

Allein der Untertitel Über das Leben wirft die Frage auf, ob nicht ein ordentliches literaturwissenschaftliches Rilke-Handbuch besser geeignet wäre, die komplexen Ansichten des 1875 in Prag geborenen Schriftstellers zu komprimieren. Nun erscheint die hier vorliegende Briefsammlung durchaus geeignet, einen philosophischen Einstieg zu liefern. Literaturhistorisch fragwürdig erscheint Du mußt dein Leben ändern trotzdem, weil Rilke die meisten der abgedruckten Briefe in den Jahren 1904 bis 1915 verfasst hat.

Das sind gerade mal elf der 51 Lebensjahre des 1926 im Schweizer Sanatorium Valmont verstorbenen Dichters. Genügt das, um die Lebensphilosophie Rilkes zu spiegeln? Die Auswahl des New Yorker Germanistikprofessors Ulrich Baer verwundert. Baer gehört innerhalb der internationalen Germanistik zu den Rilke-Spezialisten. Sein jüngstes BuchThe Poet’s Guide to Life: The Wisdom of Rilke ist in den USA ein Bestseller.

Schon der Titel bedient die preisgünstigen Marketing-Inhalte des Buchmarkts 

Dieser Umstand lässt vermuten, dass Titel wie The Poet’s Guide to Life weniger literaturwissenschaftlichen Ansprüchen genügen, sondern populärwissenschaftliche Bedürfnisse des Buchmarktes bedienen sollen. Ähnlich konzipiert sind auch die von Baer editierten Rilke-Bändchen Denn Bleiben ist nirgends: Über Alter und Verlust und Es gibt nur die Liebe: Über die Liebe. Das klingt nach Lyrik aus dem Poesiealbum.

Die Tatsache, dass der Philosoph Rilke kaum an den Dichter Rilke heranreicht, macht die Sache nicht einfacher. Sein Denken basiert vor allem auf symbolgeladenem, pantheistischem Ästhetizismus, nicht auf den durchrationalisierten, die letzten Fragen durchdringenden Konzepten eines Hegels oder Kants. Denn Rilke will Dichter sein, nicht Philosoph. Er hat neben Stefan George und Hugo von Hofmannsthal in seinen Gedichten bewiesen, welche dichterische Kraft in den ästhetizistischen Ideen des frühen 20. Jahrhunderts liegt.

Erinnert sei an Rilkes wunderbare Verse aus dem bekannten Gedicht „Herbsttag“ von 1902: „Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;/ gib ihnen noch zwei südlichere Tage/ dränge sie zur Vollendung hin und jage/ die letzte Süße in den schweren Wein.“ Der Dichter stellte das Leben in seiner Lyrik und den Briefen nicht als leichten Windhauch dar, sondern empfahl den „jungen Menschen“, „daß wir uns immer an das Schwere halten müssen. […] Wir müssen so tief ins Leben hinein gehen, daß es auf uns liegt und Last ist: nicht Lust soll um uns sein, sondern Leben.“

Das Leben bei Rilke: Mut zur Offenheit und zum Schmerz

Leben heißt bei Rilke Diesseits, wachsende Erfahrung und den Mut zur Offenheit gegenüber Kommendem, egal wie schwer es auch sein mag. Das bedeutet aber auch Schmerz, Gitterstäbe. „Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe/ und hinter tausend Stäben keine Welt“, beschreibt Rilke in einem berühmten, 1902 und 1903 entstanden Gedicht den eingesperrten Panther des Pariser Jardin des Plantes. Doch „nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille/ sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein.“ Dieses Bild, die Erinnerung an die Freiheit, „hört im Herzen auf zu sein.“

Dieser letzte, tiefe Vers des „Panthers“ birgt Widersprüche: stirbt das Bild wegen des Herzens oder bewahrt das Herz bis zuletzt die Erinnerung an die Freiheit? Diese Frage bleibt unbeantwortet. Und gerade in den unbeantworteten, nach Gottfried Benn „das Gehirn reizenden, schöpferisch machenden“ Antagonismen liegt die Stärke gerade der Lyrik.

Baer stellt im Nachwort fest: „Rilke ist ein unerbittlicher Life-Coach: er besteht darauf, daß man sich selbst absolut ernst nimmt.“ Dieser Satz stellt indirekt die Gretchenfrage aller Dichter. Oder Gottfried Benn gefragt: „Soll die Dichtung das Leben bessern?“ Letzterer verneinte und wollte kein Training vorschlagender „Life-Coach“ sein. Aber trotzdem wird es wohl nur eine Frage der Zeit sein, bis wohl auch eine neu editierte Briefsammlung Kleine Aster – Benn über die Natur erscheint.

Rainer Maria Rilke: Du mußt Dein Leben ändern. Über das Leben. Ausgewählt und mit einem Nachwort von Ulrich Baer. Frankfurt am Main: Insel Verlag 2006. 5 Euro. 96 Seiten.

(von: Johannes Schüller, BlaueNarzisse.de)

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