Rilkes Malte Laurids Brigge: Eine tragische Figur in Romanform

Rainer Maria Rilke hat zeitlebens nicht wenig von Europa gesehen. Eindrücke seiner Reisen fanden bisweilen Einzug in das Werk des Lyrikers, wobei die Impressionen seines Parisaufenthalts 1902/03 den Ausgangspunkt des einzigen Romans, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, bilden. Dieser wurde vom Autor selbst als „Prosabuch“ charakterisiert und 1910 in Leipzig fertiggestellt. Bereits 1904 begann Rilke in Rom mit dem Schreiben hieran.

Von Not, Angst und Elend

Das Buch besteht aus fragmentarischen Aufzeichnungen des 28-jährigen dänischen Adligen Malte Laurids Brigge, den es nach Paris verschlagen hat. Im Mittelpunkt stehen durchgehend Sinneswahrnehmungen des sensiblen Protagonisten, der in der französischen Metropole „sehen lernt“ und dennoch am Elend des Großstadtlebens, der Kehrseite von Fortschritt und Industrialisierung, zu zerbrechen droht: „So, hierher kommen die Leute also, um zu leben, ich würde eher meinen, es stürbe sich hier.“

Gerüche der Stadt, Gerüche von Armut, Angst und Dreck sind es, die Malte im Angesicht seiner Ausweglosigkeit schließlich in die emotionale Flucht treiben: Brigges Adelsgeschlecht droht auszusterben, da beide Elternteile verstorben sind, sich selbst findet Brigge am Rande der Mittellosigkeit wieder. So flüchtet er sich in seine Kindheit, welche den zweiten Abschnitt des Tagebuchromans bildet und gleichzeitig den – vermeintlichen – Kontrapunkt zu Maltes Empfindungen darstellt.

Bald wird jedoch klar, dass auch Maltes Jugend von dunklen und unheimlichen Ereignissen durchzogen war: So bilden Todesfälle im familiären Umfeld die Fixpunkte seiner jungen Jahre: „Ich begreife übrigens jetzt gut, dass man ganz innen in der Brieftasche die Beschreibung einer Sterbestunde bei sich trägt durch alle die Jahre.“

Weiterhin machen auch unheimliche Begegnungen mit Wiedergängerinnen dem kleinen Malte zu schaffen. Seine einzige Vertrauensperson ist die Mutter, nach deren Tod er die häusliche Umgebung verlässt und eine Adelsakademie aufsucht. Zu seinem Vater sowie seinen Großeltern besteht lediglich ein unterkühltes Verhältnis. Allerdings trägt auch die Beziehung zu „Maman“, die immer eine Tochter wollte und für die sich Malte deshalb bisweilen als Mädchen verkleidet, groteske Züge.

Von Fragen und Antworten

Interessant ist jedoch nicht nur die Biographie des Protagonisten im engeren Sinne, sondern insbesondere dessen Reflexionen, die sämtliche Komplexe der Moderne abhandeln: Identität, Fortschritt, Verfall, Tod, Liebe – und Gott. Malte durchdenkt und stellt in Frage, womit er ganz in den Tenor seiner Zeit einstimmt:„Ist es möglich, denkt es, dass man noch nichts Wirkliches und Wichtiges gesehen, erkannt und gesagt hat?“

Von Scheitern und Überwindung

Maltes Versuch, in der Gegenwart seine Vergangenheit zu bewältigen und so seiner Verzweiflung entgegenzutreten scheitert: „Ich habe um meine Kindheit gebeten, und sie ist wiedergekommen, und ich fühle, dass sie immer noch so schwer ist wie damals und dass es nichts genützt hat, älter zu werden.“

Auch Rilke sah zunächst Maltes „Untergang“ als dessen Schicksal, schrieb jedoch später an Lou Andreas-Salomé: „Diese Aufzeichnungen, indem sie ein Maß an sehr angewachsene Leiden legen, deuten an, bis zu welcher Höhe die Seligkeit steigen könnte, die mit der Fülle dieser selben Kräfte zu leisten wäre.“ In der Tat „leistet“ Malte seine Kindheit, wodurch neue Kräfte des Bestehens in ihm wachsen.

Von Chaos und Kreislauf

Mit Fortlauf der Aufzeichnungen verschwimmen konkrete Begebenheiten aus Maltes Jugend, Geschichten, Wahnphantasien sowie eigene Reflexionen des Adligen ebenso miteinander wie Vergangenheit und Gegenwart. So kommt es nicht von ungefähr, dass die meisten Einträge weder mit Ort noch Datum und Uhrzeit versehen sind.

Mögen die Aufzeichnungen für den Leser noch so konfus und bisweilen schwer durchdringbar wirken, gibt es doch eine Konstante, die die Ebenen letztendlich miteinander verbindet: Abelone, jüngste Schwester von Maltes Mutter und die einzige Frau, der neben „Maman“ Maltes Liebe galt. Die Liebe zu ihr wird am Ende der Liebe zu Gott gegenübergestellt.

Der letzte Eintrag nimmt Bezug auf das biblische Gleichnis des verlorenen Sohnes, welches in die „Legende dessen, der nicht geliebt werden wollte“, also die Legende Maltes, umgedeutet wird: Das Hintersichlassen von Kindheit und Gewohnheit, die Suche nach besitzloser Liebe, der Liebe zu Gott – um schließlich heimzukehren und die Kindheit „nachzuholen“. Der Kreis schließt sich, Maltes Schicksal jedoch bleibt offen. „Dies alles noch einmal und nun wirklich auf sich zu nehmen, war der Grund, weshalb der Entfremdete heimkehrte. Wir wissen nicht, ob er blieb; wir wissen nur, dass er wiederkam.“

Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. gebunden. Manesse 2010. 320 Seiten. 22,95 Euro.

(von: Jenny Ullrich; BlaueNarzisse.de)

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