Franz Kafka I: Angst vor dem Lärm der Gesellschaft

Die eigenen Ansprüche eines Autors an seinen Text sollten möglichst höher sein als die tatsächlichen Erwartungen der späteren Leser. Fatal wird diese Faustregel, wenn eine Mischung aus Perfektionismus und Unsicherheit zur Nichtveröffentlichung von großartigen, vielleicht sogar weltbewegenden Texten führt. Ein Autor, bei dem diese Mischung zweifellos vorhanden war: Franz Kafka. Er ging sogar so weit, seinen Freund und späteren Nachlassverwalter Max Brod zu beauftragen, nach seinem Tod die weitere Verbreitung seiner Werke zu verhindern. Nur dem eigenmächtigen Handeln Brods ist es zu verdanken, dass die ganze Welt Kafkas literarische Juwelen zu Gesicht bekam.

Erste Veröffentlichungen: Bereits hier schimmert seine irrationale Angst vor der Öffentlichkeit durch

Franz Kafka wurde am 3. Juli 1883 in Prag geboren und trat 1909 zum ersten Mal durch die Veröffentlichung von ein paar Texten in verschiedenen Zeitschriften hervor. Unter ihnen befanden sich auch die Textfragmente „Gespräch mit dem Beter“ und „Gespräch mit dem Betrunkenen“, die beide Bestandteil der postum erschienenen, größeren Erzählung „Beschreibung eines Kampfes“ sind. In ihnen zeigen sich schon die für Kafka typischen Stilmittel.

So dringt schon im „Gespräch mit dem Beter“ das Phänomen einer irrationalen Angst vor der Öffentlichkeit durch. Anders als in späteren Erzählungen erscheint sie jedoch nicht beim Hauptprotagonisten sondern bei der Nebenfigur des Beters. Der Ich-Erzähler nutzt sie sogar aktiv aus, in dem er dem Beter droht, laut zu schreien, falls dieser sich nicht zu einem Gespräch bereiterklärt. Ebenso typisch ist das Problem des Beters öffentliche Vorgänge als merkwürdig zu empfinden, während der Rest der Gesellschaft dieses Treiben anscheinend als völlig normal empfindet.

Nimmt man an, dass Kafka sich mit dem Beter identifiziert, während der Ich-Erzähler als Beobachter fungiert, lässt sich die Erzählung als Ausdruck des Verhältnisses Kafkas zur Gesellschaft interpretieren. Dann ergibt sich das Bild eines psychisch isolierten Menschen, der keinen rechten Zugang zur Gesellschaft bekommt, weil er sich nicht in sie hineindenken kann und deren Verhaltensweisen ihm fremd erscheinen. Gleichzeitig fürchtet er das Urteil dieser Gesellschaft, der Öffentlichkeit und versucht nicht aufzufallen um nicht den völligen Ausschluss zu provozieren.

Fehlschlag der Kommunikation: Wenn wir keinen Gesprächspartner finden

Der Monolog „Gespräch mit dem Betrunkenen“ thematisiert das Scheitern einer Koversation. Der Text ist bestimmt von der zwanghaften Vorstellung, der Betrunkene sei ein vornehmer Franzose. Weil er es aber nicht ist, antwortet er nur mit vereinzeltem Rülpsen und beendet das Gespräch mit der Erklärung, er wolle nach Hause ins Bett. Dabei bleibt unklar, ob er den Äußerungen des Anderen überhaupt folgen kann.

Für den in diesem Text dargestellten Fehlschlag der Kommunikation kann man sowohl den Betrunkenen als auch den Ich-Erzähler verantwortlich machen. Der Betrunkene bringt weder das Interesse noch die geistige Leistung auf um sein Gegenüber zu verstehen. Der Ich-Erzähler hingegen bleibt in seiner Vorstellungswelt gefangen und ignoriert förmlich das Verhalten des Betrunkenen. Beiden ist gemein, dass sie nicht auf den anderen eingehen, wodurch das Gespräch einseitig bleibt.

Angst und Störung durch die eigene Familie

Mit der 1912 erschienen Erzählung „Großer Lärm“ verarbeitete Kafka erstmals Szenen aus seiner eigenen Familie literarisch. Die Beziehung zu seinen Verwandten, vor allem dem Vater, wird fortan ein prägendes Grundmotiv. Von Anfang an bestimmte der Vater, Hermann Kafka (1852-1931), über sein Leben. Franz Kafka fühlt sich vom Vater unterdrückt, viele der in seinen Werken benannten Ängste stammen aus dieser gestörten Beziehung. 1919 macht sich Franz Kafka schließlich mit einem „Brief an den Vater“ Luft, in dem er den Vater für die gestörte Beziehung und ihre Auswirkungen auf sein Leben verantwortlich macht. Er schickt den Brief jedoch nie ab.

Das zweite Motiv des „Großen Lärm“ ist der Lärm selbst. Kafka hatte Zeit seines Lebens Probleme damit, störende Geräusche zu ertragen. Vor allem beim Schreiben scheint er dafür mehr als übersensibel gewesen zu sein. Das gleiche Motiv findet sich auch in der postum veröffentlichten Erzählung „Der Bau“, in der der Ich-Erzähler, anscheinend ein dachs- oder fuchsähnliches Tier, stolz von dem Leben in seinem gelungenen Bau erzählt, dessen Ruhe durch ein nicht zuzuordnendes Geräusch empfindlich gestört wird.

Die Geburt der kafkaesken Stimmung

1913 war für Kafka ein erfolgreiches Jahr. Zum einen wurde er in der „Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen“ (AUVA), in der er seit 1908 arbeitete, zum Vizesekretär befördert, zum anderen veröffentlichte er in diesem Jahr seine ersten Bücher: Die Textsammlung „Betrachtungen“ sowie jeweils separat die Erzählungen „Das Urteil“ und „Der Heizer“. In den „Betrachtungen“ verdichtet sich die Erzählatmosphäre schon zum typisch kafkaesken. In den grauen, meist städtischen Szenerien entsteht ein Klima, dass nichts greifbares liefert, aber dennoch mysteriös, manchmal sogar gefährlich erscheint.

Während in „Das Urteil“ anhand des Kaufmannes Georg Bendemann, dessen Leben immer noch von seinem kranken Vater be- und verurteilt wird, wieder die kaputte Vater-Sohn-Beziehung thematisiert wird, wendet sich Kafka in „Der Heizer“ einem neuen Motiv zu und wird sozialkritisch.

Kafka ist sozialkritisch …

In der Erzählung, die als Anfang eines Romans geplant war, trifft der junge Auswanderer Karl Roßmann einen der Schiffsheizer, als sein Schiff in New York einläuft. Dieser beschwert sich über den rumänischen Obermaschinist Schubal, der seine deutschen Untergebenen angeblich schinde. Roßmann ermutigt den Heizer die Missstände beim Kapitän anzuzeigen. Bei der Aussprache in dem Büro des Kapitäns, trifft Roßmann auf seinen Onkel, der es in Amerika zum Senator gebracht hat. Während es um das Anliegen des Heizers aufgrund dessen fehlender Eloquenz immer schlechter steht, wird Karl Roßmann von seinem Onkel mit von Bord genommen und wird so an weiterer Hilfe für den Heizer gehindert.

Die sozialkritische Komponente kommt nicht von ungefähr. Schon früh interessierte sich Kafka für die Probleme der Arbeiterschaft. Er beobachtete z.B. intensiv Arbeiter-Demonstrationen und trug die Rote Nelke. Bei seiner Arbeit für die Versicherung wird er immer wieder mit den Nöten der Arbeiter konfrontiert. Er bringt sogar einige Vorschläge für neue Unfallverhütungsvorschriften ein, um so den Arbeitern ihre Arbeitsbedingungen zu erleichtern.

… und identifiziert sich mit den Deutschen?

Ein anderer Aspekt in „Der Heizer“ wird oft vernachlässigt: Die Konfrontation zwischen Deutschen und Ausländern. Nicht nur, dass der rumänische Obermaschinist Schubal auf einem deutschen Schiff die deutschen Arbeiter schikaniert. Zudem glaubt Roßmann, dass während der Fahrt ein Slowake seinen Koffer stehlen wollte. Die Konfliktlinie Deutsche gegen Slawen dürfte dabei nicht zufällig gewählt, sondern von Kafkas Erfahrungen im Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn beeinflusst worden sein. Diese Erzählung widerlegt also eindeutig die oft geäußerte Behauptung, der Jude Kafka habe sich trotz seiner deutschen Muttersprache nicht mit der deutschen Volksgruppe in Prag, ja mit den Deutschen überhaupt ,identifiziert oder nur verbunden gefühlt.

Von: Benjamin Haasis auf BlaueNarzisse.de

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