Franz Kafka II: Verwandlung und Alternativlosigkeit

1915 veröffentlichte Kafka die Erzählung „Die Verwandlung“. Der kleine Versicherungsangestellte Gregor Samsa verwandelt sich darin über Nacht in ein Ungeziefer. Am meisten fällt dabei die Untätigkeit der Familie auf. Solange sie noch denkt, der in seinem Zimmer eingeschlossene Gregor wäre nur krank, schicken sie seine Schwester um einen Arzt zu holen. Dieser trifft jedoch erst ein, nachdem Gregors Verwandlung herausgefunden wurde und wird abgewimmelt. Die Hoffnung auf Heilung wird von der Angst vor öffentlicher Verurteilung verdrängt.

Auch hier ist es nicht die Angst vor der Entdeckung einer Schuld, sondern die Angst vor der Entdeckung der eigenen Abweichung vom Normalzustand, von der gesellschaftlichen Norm. Die Familie ist ebenso in der öffentlichen Meinung gefangen, wie Gregor es in seinem Zimmer ist. Das hinhaltende Abwarten wird dadurch alternativlos, wie die Alternativlosigkeit sich in Kafkas Wert generell durch die engen Grenzen der öffentlichen Meinung ergibt.

Es wird immer surrealer

Literarisch ist die Verwandlung des Menschen nicht neu. Schon Ovid beschreibt sie eindrucksvoll in seinen „Metamorphosen“. Anders als bei Ovid steht die Verwandlung bei Kafka schon vor dem Anfang der Handlung, da sie ja schon vollzogen ist. In der „Verwandlung“ werden nur deren Folgen beobachtet. Dabei gibt es mit dem 1918 erschienenen „Bericht für die Akademie“ noch das krasse Gegenstück. Hier erzählt ein biologischer Affe rückblickend seine geistige Verwandlung in einen Menschen.

Dieser Bericht ist in dem Band „Ein Landarzt“ enthalten. Die Erzählungen des „Landarztes“ sind ausgereifter als die der „Betrachtungen“. Nicht nur aus Kafkas Tagebuchaufzeichnungen sondern auch aus vielen Phänomenen in den einzelnen Erzählungen lassen sich Träume als Inspirationen bestimmen. So kommt beispielsweise die willkürliche Verzerrung von Entfernungen („Ein Landarzt“) oder die Vermenschlichung von Tieren („Ein Bericht für die Akademie“, „Schakale und Araber“) als träumerisch surreale Elemente vor. Besondere Bedeutung erhält „Ein Landarzt“ durch die Erzählung „Vor dem Gesetz“ und „Ein Traum“, die beide zu dem postum von Max Brod herausgegebenen Romanfragment „Der Proceß“ gehören.

Der Mensch als Fanatiker und Richter

Es folgte 1919 die Veröffentlichung der Erzählung „In der Strafkolonie“. Sie handelt von einem Forschungsreisenden, der in einem fremden Land einer Hinrichtung beiwohnen soll, deren sonderbare Methode nur noch von dem ausführenden Offizier befürwortet und verteidigt wird. Der Offizier ist davon überzeugt, dass der Reisende für die Regierung die Hinrichtungsmethode beurteilen soll und versucht ihn für sich einzunehmen. Als der Reisende die Methode missbilligt, schnallt sich der Offizier selbst in die Maschine, die die Hinrichtung vollzieht, wird aber durch einen Maschinendefekt zu früh getötet.

Die Erzählung zeigt einerseits den Fanatismus des Offiziers, der sich durch die Hinrichtung eine Art Seligkeit verspricht, also eine ideologische Verblendung darstellt, die sich schlussendlich nicht erfüllt. Andererseits zeigt sie eine unglaubliche Unsicherheit im Gebiet des Rechts und der Moral, die durch die willkürliche Einsetzung des Reisenden als Richter gipfelt. Beides ist im Kontext der Wirren der Nachkriegszeit, die Kafka in der neugegründeten Tschechoslowakei erlebte, nur zu verständlich.

Kältetod: Wie sozial kalt waren die 20er-Jahre?

Den Krieg selbst hat Kafka nur indirekt erlebt, da er von seiner Versicherungsanstalt entgegen seinem eigenen Wunsch als „unersetzliche Fachkraft“ deklariert wurde. Dadurch musste Kafka aber auch trotz einer Lungentuberkulose, an der er 1917 erkrankte, weiterarbeiten, obwohl sich sein gesundheitlicher Zustand dadurch verschlimmerte. Er wurde erst am 1. Juli 1922 von der Anstalt freigegeben.

Dieses Nichtbeachten seiner Bedürfnisse, wahrscheinlich auch im privaten Bereich durch seinen Vater erlebt, kann als Hauptintention der 1921 erschienen Erzählung „Der Kübelreiter“ gewertet werden. In ihr wird der Ich-Erzähler dem Kältetod preisgegeben, weil ihn die Frau eines Kohlehändlers, von dem er sich Kohle leihen will, ignoriert und unverrichteter Dinge vor der Tür stehen lässt. Natürlich darf man auch in dieser Erzählung den Aspekt der sozialen Kälte, neben dem privaten nicht vergessen.

Außer Mode geratene Künstler 

Kafkas letzte Veröffentlichung war 1924 der Sammelband „Ein Hungerkünstler“, der vier Erzählungen enthielt. Darin setzt sich Kafka mit dem Schicksal außer Mode geratener Künstler auseinander, die nur noch in Abgeschiedenheit für ihre Kunst statt für das verlorene Publikum leben. Der Zusammenhang mit seinem eigenen schwindenden Leben ist unübersehbar.

In „Eine kleine Frau“ und „Josefine, die Sängerin“ steht die Frau im Mittelpunkt der Erzählung, wie auch in Kafkas Leben Frauen immer wieder eine wichtige Rolle eingenommen haben. Von seiner relativ schwachen Mutter nicht unterstützt, suchte sich Kafka in den Frauen Bestätigung und Inspiration. Gleichzeitig beklagt er die Ablenkung, die er durch sie erfährt. Dabei ist Kafka auf keinen Fall ein Casanova. Er nähert sich den Frauen langsam und vorsichtig, meistens brieflich und immer nur mit ernsten Absichten. Er verlobt sich dreimal, löst die Verlobungen aber immer wieder auf, zweimal davon auf Druck des Vaters.

Kafkas Erbe: Eine mysteriöse, groteske, graue Welt

Schon ein paar Jahre vor seinem Tod am 3. Juni 1924 im Sanatorium Kierling beauftragt Kafka seinen langjährigen und wohl besten Freund Max Brod mit der Vernichtung der verbleibenden Manuskripte im Fall seines Todes. Kafka hatte schon zu Lebzeiten viele seiner Manuskripte vernichtet, darunter vermutlich auch sein gesamtes, umfangreiches Frühwerk. Sie konnten seinem Perfektionismus nicht genügen. In einer Verfügung vom 29. November 1922 bittet er Brod sogar darum die weitere Verbreitung seiner schon veröffentlichten Werke zu verhindern: Die meisten sollten eingestampft, der Rest nicht neu aufgelegt werden.

Jedoch hörte Brod nicht auf ihn. Er, der Kafka schon zu seinen ersten Veröffentlichungen ermutigt hatte, veröffentlichte ein Manuskript nach dem anderen. Insgesamt drei Romane und 34 Erzählungen. Darunter solche Juwelen wie die Erzählungen „Prometheus“, in dem er durch die Profanisierung der Arbeit des Gottes seine eigene Beschäftigung karikiert, oder „Blumfeld, ein älterer Junggeselle“, in der ein Mann von zwei mysteriösen Bällen in seinem normalen Leben gestört wird.

So porträtierte einer der größten Schriftsteller des frühen 20. Jahrhunderts sein eigenes Leben, seine Ängste, seine Beobachtungen und erzählte sie in einer einzigartigen, undurchdringlich grauen und mysteriös bedrohlichen, grotesken, eben kafkaesken Atmosphäre. Beinahe wäre dieser einmalige Schatz der Literatur durch die Ansprüche des Erschaffers verlorengegangen. Zum Glück nur beinahe!

Franz Kafka: Sämtliche Erzählungen. Anaconda 2007, 606 Seiten, 7.95 Euro

Von: Benjamin Haasis auf BlaueNarzisse.de

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